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Ballett am Rhein.

8. November 2019

Im Gespräch mit Demis Volpi.

Im Sommer 2020 startet Demis Volpi als neuer Ballettdirektor an der Deutschen Oper am Rhein. Im Interview spricht der gebürtige Argentinier über seine Ideen für Düsseldorf und Duisburg.

Herr Volpi, Sie werden ab der Spielzeit 2020/21 als neuer Ballettdirektor an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg starten. Sind Sie schon auf Wohnungssuche?

Ja. und es sieht so aus, dass ich eine Wohnung gefunden habe. Sie liegt hier in der Nähe des Theaters. Auf die kurzen Wege freue ich mich. Überhaupt habe ich immer Glück bei der Wohnungssuche. Das war auch in Berlin so, wo ich kürzlich hingezogen bin, um als freier Choreograf zu arbeiten. Ich war gerade erst beim Auspacken, als mich der Anruf aus Düsseldorf erreichte.

Was hat sie an dem Angebot der Deutschen Oper am Rhein gereizt?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich hatte schon seit einiger Zeit den Wunsch, einmal eine Compagnie zu leiten. Mir lagen bereits in den vergangenen Jahren Angebote vor – aber sie kamen entweder zu früh oder es war nicht die richtige Compagnie. Im Lauf der Gespräche, die ich dabei geführt habe, ist mir aber immer klarer geworden, was ich eigentlich suchte.

„Das Ballett kann sich immer wieder neu erfinden.“

Demis Volpi

Was haben Sie gesucht und nun gefunden?

Ich wollte solch eine Stelle nur antreten, wenn ich nicht zerstören muss, um neu anzufangen. Hier an der Deutschen Oper am Rhein kann ich sehr gut auf die ästhetische Sprache der letzten zehn Jahre aufbauen. Ich muss nichts abschneiden, sondern kann weiterführen und weiterentwickeln mit meinen eigenen Formen, Farben und Akzenten. Darüber hinaus halte ich die nicht-hierarchischen Strukturen, die Martin Schläpfer hier geschaffen hat, für total richtig. Auch das war einer der ausschlaggebenden Punkte.

Wo wollen Sie neue Akzente setzen? Was ist Ihre Vision für das Ballett der Deutschen Oper am Rhein?

Als Kern unseres Repertoires möchte ich die Neoklassik erhalten. Aber ich will das Programm etwas breiter auffächern. Mit dieser Entwicklung können wir uns dann auch stärker in neue Tanzsprachen hineintrauen. Die abstrakten Stücke werden auch über das neoklassische Ballett hinausreichen. Gleichzeitig wird die Handlung sicherlich mehr im Mittelpunkt stehen als bisher. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Publikum das verstehen und schätzen wird.

Demis Volpi tritt als Ballettdirektor an der Deutschen Oper am Rhein die Nachfolge von Martin Schläpfer an, der die Ballett-Compagnie über 10 Jahre geprägt hat.

Was macht den Choreographen Demis Volpi noch aus?

Ich mag erzählerische Handlungen. Sie machen meine Arbeit im Ballett aus. Als Künstler nehme ich jedes Stück ernst. Auch wenn es jetzt etwas komisch klingt: Ich sehe ein Stück als eine Art lebendiges Wesen. Ich schaue ihm in die Augen und nehme dann wahr, was es mir sagt, was es von mir will und was es in künstlerischer Hinsicht verlangt. Wenn ich mich derart auf ein Projekt einlasse, kann es mich an Orte bringen, die ich sonst vielleicht nie erreichen würde. Das ist mir schon einige Male passiert: Ich habe mit Sprachen choreographiert, die mir an sich total fremd waren.

Ist das die Faszination, weshalb Sie vom Tänzer zum Choreographen wurden?

Als ich noch Tänzer beim Ballett der Oper Stuttgart war, wurde ich gebeten, für die Oper La Juive eine Szene mit den Ballettschülern zu choreographieren. Damals begriff ich zum ersten Mal, dass ich wirklich Welten erfinden kann. Ein Choreograf kann alles gestalten und seine eigenen Regeln definieren. In der normalen Welt zieht die Schwerkraft uns nach unten – egal: Auf meiner Bühne kann die Welt andersherum funktionieren, dann ist es normal abzuheben und wie schwerelos zu schweben.

Das Ballett am Rhein in Düsseldorf und Duisburg

Dem Ballett haftet oft etwas Gestriges an. Welche Relevanz können Ballett und Tanz heute noch haben?

Natürlich existieren beim Ballett klassische Formen mit langer Tradition. Aber es geschieht auch sehr viel Innovatives. Martin Schläpfer ist das beste Beispiel – etwa wenn es darum geht, die Geschlechterrollen ganz neu auszutarieren. Die Compagnie in Düsseldorf ist der lebende Beweis, dass Ballett weiterhin relevant sein kann. Das sehe ich auch als das Spannende an dieser Aufgabe. Die beste Form, Traditionen zu zelebrieren, ist ihre Weiterentwicklung. Das Ballett kann sich immer wieder neu erfinden. Genau da will ich einfach anknüpfen.

Sie sprachen vorhin davon, das Repertoire aufzufächern und offen zu sein für neue Tanzsprachen. Wie sehen Sie die Abgrenzung etwa zum Tanzhaus NRW?

Eine spannende Frage. Wir sind und bleiben eine Companie, die auf der Ballettsprache der Neoklassik basiert. Darin wird weiterhin der größte Unterschied zum Tanzhaus NRW bestehen. Aber mein Wunsch ist, gemeinsam mit der dortigen Intendantin Bettina Masuch nach Verbindungspunkten zu suchen. Ich sehe da große Chancen, etwa in der Förderung junger Choreografen. Sicherlich können wir durch den Austausch von Formen und Arbeitsweisen auch Neues entwickeln – selbst wenn ich heute noch nicht weiß, wie das aussehen kann.

Die Frage muss sein: Verraten Sie uns, mit welchem Stück Sie in Düsseldorf Ihr Debut geben werden?

Das dürfen Sie leider noch nicht wissen! Diese große Überraschung zu lüften behalte ich mir vor. Aber immerhin soviel kann ich verraten: Das Stück wird mit der Tradition spielen.

Deutsche Oper am Rhein
Opernhaus Düsseldorf
Heinrich-Heine-Allee 16A
40213 Düsseldorf

Theater Duisburg
Opernplatz
47051 Duisburg

Fotos: © Gert Weigelt; © Andreas Endermann; © Jens Wegener; © Hans Jörg Michel; © Deutsche Oper am Rhein; © Stuttgarter Ballett und © Filip van Roe